Seelenleben
Weise Worte

Seelenleben

Mit der Seele ist es ein bisschen so wie mit der Magie: Es gibt die unterschiedlichsten Definitionen, und manche Leute bestreiten sogar ihre Existenz, obwohl da unzweifelhaft etwas ist, das unser individuelles Erleben und Verhalten ausmacht.

Die Seele oder Psyche steht für ein Konstrukt, das wir nicht sehen können, und von dem wir auch nicht genau wissen, was es ausmacht. Gefühle? Geistige Vorgänge? Und wo sollen wir sie verorten? Im Kopf? Im Herz? Im Bauch? In unserem Nervensystem? Unter der Haut? Jedenfalls scheint es eine Seele zu jedem Individuum zu geben, weshalb sie wahrscheinlich mit dem jeweiligen Körper verknüpft ist, aber was geschieht dann mit ihr, wenn der nicht mehr da ist? Je nach mythischen, religiösen, philosophischen oder psychologischen Lehren werden die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen.

Die Wissenschaft, die sich mit all dem befasst, die Psychologie, ist ein entsprechend weites Feld, das sowohl die Naturwissenschaften als auch die Geistes- und Sozialwissenschaften berührt. Doch hier geht es nicht um Wissenschaft, eher um Pseudowissenschaften und daher um die Seele im übertragenen Sinne, wie sie auch Bukowski in einem bekannten Zitat bemüht:

„I do not have time for things that have no soul.“
– Charles Bukowski

Er überträgt den Begriff der Seele auf „Dinge“ und meint damit nicht nur Materielles, sondern eigentlich alles im Leben, vom letzten One-Night-Stand bis zur Kunst. In diesem Zusammenhang darf man sich ruhig einmal überlegen, wie vielen Dingen im eigenen Leben man selbst eine Seele zusprechen würde.

Sind wir umgeben von maschinell erstellter Massenware und bedeutungslosen Beziehungen? Wie viel in unserem Leben ist im Grunde austauschbar? Unser Arbeitsplatz, unsere Wohnung, unsere Kleidung? Die Musik, die wir hören, die Bücher, die wir lesen? Wie oft nehmen wir Fertiggerichte zu uns, und wie oft kochen wir selbst? Machen wir seit Jahren nur noch All-Inclusive-Urlaub in irgendwelchen Clubs, oder planen wir individuelle Reisen? Ist Netflix unser einziges Hobby oder investieren wir während unserer Freizeit irgendwo unser Herzblut? Wie viel oberflächlichen Spaß haben wir im Vergleich zu den Momenten der Freude aus tiefster Seele?

In Bukowskis Worten schwingt eine gewisse Arroganz mit (das wäre sogar noch deutlicher, wenn ich den Kontext des Zitats nicht weggelassen hätte). Man kann sich im Leben nicht nur um das kümmern, was einem persönlich von angemessenem Wert erscheint. Aber es ist heute einfacher denn je, ein völlig bedeutungsloses Leben zu führen, stinkreich oder bettelarm, aber auf jeden Fall abgestumpft und entfremdet von der eigenen verhungerten Seele, die sowieso nicht existiert, ihr Spinner.

Danke für das Foto, Kira auf der Heide