Gandalf der Weiße
Weise Worte

Die Magie der Hunde

Besondere Verbindungen sind zwischen allen Lebewesen möglich, Beweise dafür gibt es genug. Und eine tiefe Bindung zwischen Mensch und Haustier sollte selbstverständlich sein, egal ob Hund, Katze, Pferd, Meerschweinchen, Papagei, Huhn oder Schlange. Aber – ohne irgendeine Tierart degradieren zu wollen – in diesem Beitrag geht es ausschließlich um Hunde. Weil ich selbst mit einem Hund lebe, also nur was sie betrifft aus persönlicher Erfahrung sprechen kann. Und weil Hunde nun einmal die älteste domestizierte Tierart sind. Sie lebten lange vor Katzen, Pferden, Rindern und anderen Haus- oder Nutztieren mit dem Menschen zusammen. Und das merkt man.

„Dogs are the magicians of the universe.“
– Clarissa Pinkola Estés | Women Who Run With the Wolves

Ich beobachte oft, dass Menschen mit ihren Hunden eine Einheit bilden. Man sieht und spürt das. Es ist ein höheres Level als einfach nur ein Team. Als meine erste Hündin nach 15 gemeinsamen Jahren starb, fühlte ich mich wie amputiert. Alle sagten, das ginge vorbei, aber das Gefühl von schmerzhafter Unvollständigkeit wurde erst erträglicher, als ich nach drei Jahren schließlich einen neuen Hund in mein Leben ließ. Dieser neue Hund ist kein Ersatz, dafür ist sie viel zu anders als ihre Vorgängerin. Aber nach einer Weile stellte sich auch mit ihr dieses besondere Zusammenwachsen ein, das nicht nur auf Gewöhnung oder Vertrautheit beruht.

Es ist auch nicht vergleichbar mit einer zwischenmenschlichen Beziehung wie einer besonders engen Freundschaft, einer Partnerschaft, Liebesbeziehung oder Familie. Vermutlich können das nur Hundehalter verstehen. Ich schätze, dass meine Schwester etwas ähnliches mit ihrer Katze spürt, aber anders wird es doch sein, allein schon, weil man mit Hunden in der Regel intensiver zusammenlebt. Man verbringt mehr Zeit miteinander. Hunde sind auch unterwegs dabei, begleiten einen bestenfalls überall hin.

So weit, so profan. Aber was meine ich nun mit der „Magie der Hunde“?

Genau genommen zweierlei. Zum einen ist da die Tatsache, dass schon Kleinkinder leuchtende Augen bekommen und ihre Händchen ausstrecken, wenn sie einen Hund sehen. Wir leben schon so lange mit Hunden zusammen, dass wir einen Draht zu ihnen in den Genen haben. In mehr als 20.000 Jahren (manche sagen, es könnten sogar 40.000 Jahre sein) haben Hunde genau gelernt, uns zu lesen. Sie erkennen unsere Stimmungen und Schwingungen besser als der beste Mentalist. Das bringt uns immer wieder zum Staunen und kann manchmal fast unheimlich erscheinen. Gedanken lesen? Telepathie? Kein Problem für einen Hund. Und das beste daran: Sie können es uns auch beibringen. Zumindest in Grundzügen. Aber das gehört schon zum zweiten Punkt.

Zum anderen haben Hunde nämlich außerdem noch die Fähigkeit, uns zu verwandeln. Sie machen uns zu etwas besserem, in mehrfacher Hinsicht. Es ist erwiesen, dass Kinder, die mit einem Hund aufwachsen, empathischer sind, und auch vor Erwachsenen macht dieser Effekt nicht halt. Hunde erweitern unseren Horizont. Sie locken uns an Orte, die wir ohne sie nie zu sehen bekämen. Wir nehmen die Welt mit anderen Augen wahr und üben uns darin, andere Perspektiven einzunehmen. Wir Frauen ziehen statt High Heels Schuhe an, mit denen wir schneller und länger unterwegs sind. Wir tragen praktische Kleidung, die uns nicht bremst und sehen mehr von der Welt, statt ständig unser Spiegelbild und andere Oberflächlichkeiten.

Wenn ich sage, Menschen und Hunde können nicht ohne einander, dann meine ich nicht nur all die Therapiehunde, Hütehunde, Wachhunde, Jagdhunde, Herdenschutzhunde oder Rettungshunde dieser Welt. Alle Hunde geben uns etwas, das uns fehlt. Etwas überlebenswichtiges, das dem zivilisierten Mensch abgeht, und nach dem er sich unbewusst sehnt. Sie sind unsere verlängerten Sinne, Prothesen unserer verkümmerten Ohren, Augen und Nasen. Das klingt übertrieben, ich weiß, vor allem angesichts eines zitternden Chihuahuas, der als Accessoire in einer strassbesetzten Handtasche herumgetragen wird. Aber selbst der ist ein kleiner Magier, nur vielleicht gerade etwas überfordert.

Danke für das Foto von Gandalf, dem Weißen auf vier Pfoten, Marek Szturc