Auf einer kleinen Anhöhe im Aaper Wald, Düsseldorfs grüner Lunge, verstecken sich die „Witte Wiewerkes“. Es handelt sich um eine Ansammlung von Gesteinsbrocken, die bei den Einheimischen als „Frauensteine“ bekannt sind. Witte Wiewerkes bedeutet soviel wie „Weiße Weiber“. Ein anderer, ebenfalls sehr geläufiger Name lautet allerdings „Weisensteine“, und meine ganz persönliche These ist, dass die Steine eigentlich nicht „weiße Weiber“, sondern „weise Weiber“ heißen.

Angeblich wurden an dieser Stelle sieben Frauen zu Stein, nachdem ein Richter sie zu Unrecht verurteilte. Andere glauben, dass hier einst eine Hohepriesterin ihr Lieblingspferd opferte, um Wotan zu besänftigen. Am hartnäckigsten hält sich aber das Gerücht, dass die Frauensteine oder Weisensteine eine Kultstätte markieren, an der noch heute bei Vollmond Orgien gefeiert werden. Fakt ist, dass hier viel mehr als nur sieben große Quarzite herumliegen, und das schon seit Urzeiten, als die Gegend um das heutige Düsseldorf erstmals zu Festland wurde. Fest steht außerdem, dass viele, aber durchaus nicht alle eingeritzten Zeichen auf den Steinen von übermütigen Schülern oder verliebten Teenagern stammen.

Der Sache mit den Orgien wollte ich selbst auf den Grund gehen. Gestern fand nämlich eine Vollmondwanderung durch den Aaper Wald statt, und ich war sicher, dass diese auch zu den Weisensteinen führen würde. Die Veranstaltung endete leider bereits um 22 Uhr, und auch wenn ich keinerlei Hinweise auf eine anstehende wilde Party entdecken konnte, heißt das nicht, dass es zu einem späteren Zeitpunkt keine gegeben haben könnte.

Von meinem Besuch am letzten Sonntag kann ich bezeugen, dass im Gebüsch bei den Steinen Kondome und gebrauchte Taschentücher herum lagen. Dazu braucht es aber keine „Kultstätte“ – schließlich werden Menschen überall im Wald spontan Opfer ihrer Hormone. Was sich dennoch nicht leugnen lässt: Die Weisensteine, Frauensteine, Witte Wiewerkes oder wie auch immer man sie nennen mag, haben inspiratives Potenzial. Nicht nur viele der Steine, auch einige Bäume sind über und über „tätowiert“, zum Teil sehr kunstvoll. In manchen Astlöchern findet man Zettelchen mit Zeichnungen oder Gedichten. Vielleicht liegt das aber gar nicht an den Steinen, sondern an der tollem Blick, den man von der kleinen Lichtung aus hat. Es ist nämlich wunderschön dort.

Was mir in dem Zusammenhang auch aufgefallen ist: Während meiner Stippvisite am Sonntag traf ich bei den Steinen genau drei Frauen und drei Männer. Die Herren waren ausnahmslos Mountainbiker, die die Lichtung ganz offensichtlich nur wegen des Terrains besuchten. Die Damen kamen um die Aussicht zu genießen. Sie alle setzten sich auf eine der Bänke und blieben für eine Weile. Ein junges Mädchen packte sogar ein richtiges Picknick aus. Insofern passt der Name „Frauensteine“ wirklich besonders gut.

Ach ja. Meine Angewohnheit, von jedem besonderen Ort einen Stein mitzunehmen, habe ich diesmal spontan etwas abgewandelt. Seit Sonntag trage ich eine Eichel in der Jackentasche, so wie Bilbo Beutlin, der sie aus Beorns Garten mitgenommen hatte, um sie eines Tages in seinem Garten in Beutelsend einzupflanzen. Keine Ahnung, wo meine Weisenstein-Eichel irgendwann Wurzeln schlagen darf. Aber ich freue mich schon darauf, sie zu vergraben.

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