Ein Kleinod am landschaftlich vergleichsweise reizlosen Niederrhein ist der malerische Ort Liedberg, der sich immerhin knapp 80 Meter über Normalnull erhebt und damit schon von Weitem aus der flachen Ödnis aus Ackerland, Dörfern und Weilern heraus sticht. Der romantische, historische Ortskern mit altem Mühlenturm, Schloss und hügelreichem Wald ist deshalb seit jeher ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer und Fahrradfahrer aus der Umgebung.

Auch ich kenne Liedberg noch aus meiner Kindheit. Allerdings haben mich damals vor allem die Waldwege interessiert, die für mein Crossrad eine rare Herausforderung darstellten. Außerdem übte die düstere Ausstrahlung der Mühlenturm-Ruine eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus – zumal man mir damals die Mär auftischte, der Turm sei ein Gefängnis mit Folterkammer gewesen.

Ich wusste zu der Zeit noch nicht, dass das beschauliche Dorf eine ganz andere schaurige Geschichte zu erzählen hatte, obwohl mir das große Grabkreuz im Wald sehr wohl aufgefallen war. Als Kind war mir nicht einmal bewusst, dass sich unter den bewaldeten Hügeln hinter dem Schloss ein vor langer Zeit stillgelegtes Stollensystem befand. In Liedberg hatten nämlich schon die Römer Sandstein abgebaut, aus dem später auch das Schloss errichtet wurde.

Eine Gruppe Pfadfinder aus Düsseldorf, die im Jahr 1930 im Liedberger Wald die Sommersonnenwende feierte, wusste um die unterirdischen Gänge. Und dieses Wissen wurde für drei von ihnen zum Verhängnis. Die Gruppe beschloss nämlich, bei Nacht in die Stollen hinab zu steigen und im sogenannten „Felsenkeller“ eine Urkunde zu vergraben. Sie lösten einen Erdrutsch aus. Vier junge Pfadfinder wurden unter zentnerschwerem Gestein begraben. Einen von ihnen konnten die Kameraden noch retten, aber Heinrich Pöstges, Albert Voigt und Paul Schneiders verloren unter der Erde ihr Leben.

Die Liedberger Feuerwehr konnte nur eine ihrer Leichen bergen, die von Heini Pöstges. An den Leichnam von Albert Voigt kam sie aus Sicherheitsgründen nicht heran. Wo sich der von Paul Schneiders befand, wusste niemand genau. Und in Liedberg erzählt man sich noch heute, dass er vielleicht gar nicht verschüttet wurde, sondern noch mehrere Tage in den Stollen herum irrte, bevor er starb. Die Feuerwehr lauschte noch tagelang auf mögliche Klopfzeichen – zumindest hält sich diese Legende. Am seitdem verschlossenen Eingang der Höhlen wurde ein Gedenkstein für die drei Toten errichtet, und das sogenannte „Pfadfindergrab“ ist immer noch eine Art Wallfahrtsort für Pfadfindergruppen und abenteuerlustige Jugendliche aus ganz Deutschland.

Doch trotz dieser Tragödie vor knapp 90 Jahren und des markanten, morbide anmutenden Turms im Ortskern ist das heutige Liedberg kein trauriger Ort. Zugegeben, im Wald herrscht an grauen Tagen eine düstere Stimmung, vor allem im Schatten der alten Schlossmauern. Aber die liebevoll gepflegten alten Fachwerkhäuser des Dorfs mit ihren bunten Türen und Fensterläden verbreiten selbst im Winter ungetrübte Heiterkeit. Und im Schloss leben und arbeiten seit 2007 die aktuellen Besitzer, die das denkmalgeschützte Gebäude mit viel Liebe zum Detail restauriert haben. Auf den gotischen Schlossturm haben sie einen goldenen Schnatz montiert. Harry Potter lässt grüßen. Hier leben sympathische Menschen.

Kapelle und Mühlenturm

Burgfriedeingang

Pfadfindergrab

Pfadfindergrab

Schloss Liedberg

Schlossturm mit Schnatz

goldener Schnatz auf dem Schlossturm von Schloss Liedberg

Fachwerkhaus im Frühling

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