Eingangsbereich der Langen Foundation

Wenn ich damals gewusst hätte, dass keine 10 Kilometer von meinem Kinderzimmer entfernt atomare Sprengköpfe auf ihren Einsatz warteten, wären meine ersten Lebensjahre bestimmt etwas weniger unbeschwert gewesen. Aber während des Kalten Krieges war es nicht üblich, eine NATO-Militärbasis auf der Landkarte einzutragen, und so waren fast alle, die in dieser Gegend lebten, völlig ahnungslos. Manche sind es noch heute und wundern sich über die Bezeichnung „Raketenstation“ für ein abgelegenes Areal in den Erftauen bei Neuss, das Kunstinteressierte und Architekturstudenten aus aller Welt besuchen.

Dass dieser Ort, an dem belgische und amerikanische Soldaten Cruise Missiles und Pershing-Raketen bewachten, zum naturnahen Zuhause großer Künstler und Kunstprojekte werden konnte, ist nicht nur der Abrüstung zu verdanken. Ohne den Düsseldorfer Kunstsammler Karl-Heinrich Müller, der in unmittelbarer Nähe des Militär-Geländes bereits das Museum Insel Hombroich eröffnet hatte, wäre die Raketenstation heute vielleicht nur ein verwildertes Biotop mit ein paar Zweckbau-Ruinen aus Beton.

Müller kaufte das verwaiste Gelände Mitte der 90er und machte aus Baracken und Raketenhallen Ateliers, Wohnräume und Begegnungsstätten. Er legte den Grundstein für einen Kulturraum, der gemeinsam mit der Insel Hombroich und der Langen Foundation zu einer einzigartigen Institution der Kunstwelt wurde.

Idealerweise betrachtet man die Raketenstation auch als Teil des großen Ganzen, also inklusive der Langen Foundation und des Museums Insel Hombroich. Aber da die beiden letzteren keine Hunde erlauben, beschränke ich mich meistens auf das frei zugängliche Gelände der Raketenstation mit ihren brutalistischen Skulpturen und Bauwerken.

Beton und Natur wirken hier gegensätzlich und harmonisch zugleich. Klare Linien, knorrige Bäume, blank geputztes Glas, gekräuselte Wasserflächen, Shades of Grey und hohes, grünes Gras. Als Besucher spaziert man von Dystopia nach Utopia und wieder zurück – je nach Tages- und Jahreszeit wandelt sich die vorherrschende Stimmung. Die Natur, das Licht und die Vorstellungskraft begabter Menschen verändern das Statische, den bombenfesten Beton. Und genau das macht einen großen Teil des Reizes dieses Ortes aus: Die Magie einer Landschaft, die sich einst um Zerstörung drehte und nun ein Ort des Erschaffens und Erlebens geworden ist. Ein Platz an dem große, unmöglich scheinende Visionen wahr werden. Das spürt man.

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