Bei meinem Hund sind die Huskygene sehr deutlich zu sehen, aber wenn man nur vom Verhalten schließen müsste, würde man eher nicht auf eine nordische Abstammung tippen. Kein Jagdtrieb, kein Ziehen an der Leine, keine Lust am Tempo. Dickschädel und Gesprächigkeit sind zwar vorhanden, aber wir können ohne Leine spazieren gehen, was für einen „echten“ Husky sehr untypisch ist.

Das mag an den geschätzt zehn Prozent Straßenköteranteil liegen, aber bestimmt auch daran, wie sie gelebt hat, bevor wir uns trafen. Es ist ziemlich sicher, dass sie ein Stadthund war und ohne die für Husky & Co. empfohlenen täglichen vier Stunden Auslauf auskommen musste. Dafür hatte sie offenbar Plastikflaschen als Spielzeug und pflegte eine innige Freundschaft mit mindestens einer Katze. Genau werde ich es wohl nie erfahren. Aber dass sie langes Laufen in der Natur nicht kannte, habe ich schnell gemerkt.

Allerdings waren ihre Ahnen genau dafür ausgewählt worden. Und das fällt ihr manchmal, unter bestimmten Umständen – wieder? – ein. Nach ungefähr 55 Minuten in Feld, Wald und Wiese. Man kann beinahe die Uhr danach stellen. Plötzlich wird ihr bewusst, wer sie ist, und sie beginnt zu rennen. Knurrend und Haken schlagend, wie vom wilden Affen gebissen. Es ist, als wäre ein Damm gebrochen. Alles fällt von ihr ab, man kann es deutlich sehen. Danach läuft sie lockerer, zügiger, entspannter.

Ich glaube, dass das ein schönes Beispiel dafür ist, wie schwer es fällt, die eigene Natur zu erkennen und auszuleben, wenn man dazu nie wirklich die Gelegenheit hatte. Oder wenn es einem sehr früh abtrainiert wurde. So wie wir heute leben, ist wenig Platz für Individualität, aber umso mehr für Konditionierung und Anpassung. Was, wenn wir wie das hässliche Entlein in der falschen Umgebung aufwachsen oder arbeiten müssen? Wir verlieren das, was uns am meisten ausmacht, was uns zu etwas Besonderem macht.

Da hilft nur Freiheit. In nicht zu kleinen Häppchen.

Das Selbst braucht Auslauf, es muss sich ausdrücken können, im Zorn und in der Kreativität. Dieses Selbst hat ein gesundes Selbstwertgefühl und einen heldenhaften Mut, denn es ist mit einem sechsten Sinn begabt: der Intuition.
Clarissa Pinkola Estés

rennender Hund

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