Grimoire

Seemannsgarn

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Dieses alte Zitat trifft auch heute noch zu. Und Berichte von Erlebnissen und Abenteuern außerhalb der gewohnten Komfortzone tendieren nach wie vor zu Erzählungen mit mehr oder weniger hohem fiktiven Gehalt. Das ist keineswegs anrüchig, sondern durchaus berechtig, wenn es dem Unterhaltungswert dient. Sterbenslangweilige Dia-Abende sind eindeutig das größere Verbrechen, wenn es um Reiseberichte geht.

So ist auch das Seemannsgarn ein schönes Beispiel für ausgeschmückte Reiseabenteuer im Kampf gegen die Langweile. Früher haben sich die Seeleute bei besonders eintönigen Tätigkeiten – wie zum Beispiel dem Recycling von alten Seilen – die Zeit vertrieben, indem sie einander von ihren Erlebnissen auf See berichteten. Natürlich wurde dabei ordentlich geprahlt, denn schließlich wollte jeder die aufregendste, gefährlichste, heldenhafteste oder eben auch unglaublichste Geschichte von allen erlebt haben. Riesenkraken, die Schiffe auf den Meeresboden hinab zogen. Meerjungfrauen. Monsterwellen. Fliegende Totenschiffe. Einige solcher Erzählungen schaffen es in diversen Remakes immer wieder auf die Kinoleinwände und spielen Millionen ein. Andere erweisen sich als viel näher an der Wahrheit, als vernünftige Menschen glaubten.

Und darüber hinaus war Seemansgarn manchmal auch die entscheidende Inspiration für wissenschaftliche Expeditionen und führte zu bedeutenden Entdeckungen mit nachhaltigem Einfluss auf die Menschheitsgeschichte.

Ich habe eine ganz persönliche, kleine Theorie über Völker, die viel reisten (nicht nur zur See) und unter anderem auch deswegen eine besonders ausgeprägte Storytelling-Kultur pflegten. Und über ihre Nachfahren. Sie zeichnen sich häufig durch bemerkenswerte Toleranz und Open-Mindedness aus. Und sie haben oft einen besseren Draht zu sogenannter „alter Weisheit“ aus, der in manchen Kulturkreisen heutzutage völlig verloren scheint.