Adonislibelle
Grimoire

Ponyhof-Erinnerungen

Die ersten Tiere, die der neue Teich im Garten angelockt hat, sind Libellen. Es klingt vielleicht seltsam, aber Libellen erinnern mich an meine Woche auf einem Ponyhof im Münsterland, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war. Libellen und Herbert Grönemeyer.

Ganz entgegen meiner Erwartungen drehte sich auf diesem Ponyhof nämlich keineswegs 24 Stunden lang alles um Ponys. Wir hatten nachmittags eine Stunde Reitunterricht auf wechselnden Ponys, und einmal mussten wir den gesamten Stall ausmisten. Das wars mit den sogenannten Reiterferien.

Ich hatte mir vorgestellt, dass man zu Beginn der Woche ein Pony zugeteilt bekam, um das man sich dann die ganze Zeit zu kümmern hatte, also Füttern, Putzen, von der Weide holen, Zaumzeug flicken und so weiter. Dieser Kleinmädchentraum wurde damals von den diversen Anbietern propagiert, und ich träumte ihn schon lange. Aber dank der Empfehlung einer Schulfreundin, mit der ich einmal die Woche zu einem 10 Kilometer entfernten Reitstall radelte, landete ich auf dem wahrscheinlich einzigen Ponyhof der Welt, der ein anderes Konzept verfolgte.

Wir hingen den ganzen Tag lang am riesigen Teich des Hofs herum, anstatt im Stall zu schwitzen und „unsere“ Ponys zu betüddeln. Ich fühlte mich erstmals in meinem noch jungen Leben im völlig falschen Film, obwohl der Teich wirklich toll war. Er war riesig mit einer großen Insel mittendrin, auf die man hinüberspringen konnte, wenn man ein guter Springer war. Aber selbst die Guten landeten ab und zu im Wasser, was dann das Highlight des Tages war.

So riesige Libellen wie dort habe ich nie wieder irgendwo gesehen. Sie umschwirrten uns Mädchen (natürlich waren alle Gäste Mädchen) wie schillernde Hubschrauberschwärme, während Herbert Grönemeyer aus unserem Wohnhaus dröhnte, wo die männliche Saisonkraft, für die wir alle schwärmten, enthusiastisch gegen unseren Dreck anputzte. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen oder das Gesicht des jungen Mannes, aber er hörte „Männer“, „Alkohol“ und „Flugzeuge im Bauch“ so ausdauernd und so laut, dass ich die Texte heute noch auswendig kann, obwohl ich nie Fan war.

Am letzten Abend unseres Aufenthalts wurde eine Pyjamaparty gefeiert. Als Flugzeuge im Bauch gespielt wurde, tanzte die Saisonkraft mit dem hübschesten Mädchen einen Klammerblues wie aus einer Bravo-Lovestory. Daraufhin war die Party dann auch zu Ende, weil sämtliche Gäste entweder heulten, hysterisch schrien oder türknallend den Raum verließen. Das war der krönende Abschluss für meinen etwas missglückten Urlaub auf dem Ponyhof.

Das alles hatte ich längst vergessen. Bis ich heute zwei kopulierende Adonislibellen an meinem Miniteich beobachten durfte. „Männer baggern wie blöde“ schoss es sofort durch meinen Kopf, und seitdem habe ich einen quälenden Ohrwurm, aber auch ein paar mal dümmlich vor mich hin gegrinst. Unvorstellbar, dass die Tyrell Corporation jemals mit ihren Plänen durchgekommen wäre.

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