Grimoire

Erinnerungen an meine Oma

Die Mutter meiner Mutter war eine Tiernärrin. Das hat sie mir nicht nur genetisch vererbt, sondern auch anderweitig vermittelt. Sie hatte eine Zeitschrift abonniert, „Das Tier“, auch bekannt als „Grzimeks und Sielmanns internationale Zeitschrift für Tier, Mensch und Natur“, ich möchte glatt behaupten, dass sie diese Hefte von Anbeginn (1960) bis zum bitteren Ende (2000) bekam. Und ich habe sie alle gelesen, sobald ich des Lesens mächtig war. Erst, wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, und später dann in großen Stapeln, die bei uns auf dem Dachboden gebunkert wurden. Vielleicht bin ich wegen dieser Zeitschrift schon als Kind Vegetarier geworden. Denkbar wäre es.

Als meine Mutter noch ein Kind war, hatte sie ständig tierische Mitbewohner: Kaninchen, Eichhörnchen, einen Uhu, dazu Hühner und natürlich Katzen und Hunde. Meine Mutter fand das damals nicht so toll (abgesehen von den Hühnern), aber auch sie erzählt – aus nostalgischen Gründen – oft die Geschichte der Setterhündin Lady, die 1946 auf dem Priwall von Soldaten überfahren wurde und vor dem Haus begraben wurde. Auf ihrem Grab pflanzte meine Oma einen Rosenstrauch, und der ist noch heute dort – oder war es zumindest bis vor ein paar Jahren, als meine Mutter das Haus ihrer frühen Kindheit noch einmal aufsuchte. Sowas ist ein bisschen kitschig, aber trotzdem rührend. Ich möchte diesen Rosenbusch eines Tages mit eigenen Augen sehen.

Meine Oma, meine große Schwester, „Pelle“ und ich in Dänemark, irgendwann in den 70ern

Später, als meine Großeltern nach einer wahren Odyssee in der Großstadt lebten, gab es nicht mehr so viele Tiere bei ihnen. Aber ich erinnere mich an ein dunkelgraues Kaninchen namens Muckel und ganz besonders an Marita, die bissige Gelbstirnamazone, die toll sprechen und noch toller lachen konnte (was sie besonders triumphierend tat, wenn sie mich und meine Schwester zur Flucht in die Badewanne veranlasst hatte – den einzigen Ort, an dem unsere Zehen vor ihr sicher waren). Marita lebt übrigens noch heute.

Ganz besonders erinnere ich mich auch daran, dass meine Oma wiederholt den Wunsch geäußert hat, mit mir in den Vogelpark Walsrode zu fahren, kaum dass ich den Führerschein hatte. Anfangs habe ich mir eine so lange Fahrt in unbekannte Gefilde (damals gab es ja noch keine Routenplaner) einfach nicht zugetraut. Später hinderte mich vermutlich so etwas banales (und idiotisches) wie Zeitmangel. Und irgendwann war meine Oma dann nicht mehr fit genug. Ich habe ihr diesen Wunsch jedenfalls nie erfüllt.

Man soll sich nicht grämen, aber mein Versäumnis läuft mir nach. Sehr. Ich werde eines Tages nach Walsrode fahren, und irgendetwas Schönes von dort für das Grab meiner Oma mitbringen.

Mir fällt das alles unter anderem auch deshalb ein, weil Großeltern gerade im Rahmen der Coronakrise seltsam kühl betrachtet werden. Ein nicht unerheblicher Teil unserer Gesellschaft scheint tatsächlich bereit zu sein, unsere Alten zu „opfern“. Mir ist bewusst, dass diese Krise in jedem Fall Opfer fordern wird, und dass es nur die Frage ist, welche das sein werden. Aber ich glaube, dass die wichtige Rolle unserer Omas und Opas abseits von günstiger Kinderbetreuung dramatisch unterschätzt wird. Unsere Wirtschaft hat diesen Fehler, die Missachtung „alten Wissens“ und „alter Werte“, schon viel früher gemacht. Das sollte uns eigentlich eine Lehre sein.

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