Drache
Grimoire

Drachen zähmen, reiten oder töten?

Vorstellungen von Drachen – schlangenähnlichen, oft geflügelten, Feuer speienden oder Gift spritzenden, tödlichen Wesen – hatten Menschen beinahe aller Kulturen schon seit Urzeiten. Wir finden Drachen in Religionen und Mythen überall auf dem Erdball. Vor allem in unserer westlichen Welt spielen Drachenwesen tragende Rollen bei Beginn und Ende der Welt. Sie symbolisieren Chaos, unbesiegbare Bedrohungen aus tiefster Tiefe oder heiterem Himmel, Urängste und Untergang.

Der griechische Gott Zeus musste gegen Typhon, den Sohn der Erde und der Unterwelt kämpfen, der babylonische Sonnengott Marduk gegen das Ungeheuer Tiamat, und in der nordischen Mythologie nagt der furchtbare Nidhöggr an den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil.

Entsprechend oft tauchen Drachen in unseren Sagen, Legenden und Märchen auf. Wir kennen Fafnir bzw. Fafner aus der Nibelungensage und Smaug aus Tolkiens Hobbit. Wir kennen Daenerys Targaryens Drachen Drogon, Viserion und Rhaegal aus Game of Thrones, aber auch Grisu, den kleinen Drachen, der unbedingt Feuerwehrmann werden will. Die meisten von uns werden sich an den Glücksdrachen Fuchur aus der Unendlichen Geschichte erinnern oder an oder Norwegische Stachelbuckel und Ungarische Hornschwänze, die in J.K. Rowlings Büchern liebevolle „Tierpfleger“ wie Newt Scamander oder Hagrid haben.

Damit komme ich zu dem Punkt, auf den ich heute hinaus will: Drachen sind immer mit Helden verbunden, ihr Zusammenwirken macht eine gute Geschichte aus. Vor allem moderne Geschichten betonen den unschätzbaren Nutzen, wenn der Held sich in der Lage zeigt, die zerstörerische Kraft eines Drachen zu kanalisieren anstatt sie auszulöschen. Denn Drachen sind in der Regel nicht einfach nur sinnlose Bedrohung, sondern sie bewachen – in mehr oder minder symbolischer Form – einen unermesslichen Schatz.

Wir verdanken der Psychologie des 20. Jahrhunderts (vor allem den Lehren von C.G. Jung) das Wissen, dass in jedem von uns sowohl ein Held als auch ein Drache wohnt, und dass sich unserer innerer Held unserem inneren Drachen mit all seinem furchteinflößenden, zerstörerischen Potenzial stellen muss, wenn wir ein reiches Leben führen wollen. Nicht nur die italienischen Brüder Pagotto haben diese Lehre mit ihrem Grisu so toll umgesetzt, dass schon Kinder das Prinzip begreifen können. Besonders gut gelungen ist das auch Cressida Cowell mit ihrer Kinderbuchreihe „How to train your dragon“ („Drachen zähmen leicht gemacht“).

Dank ihnen lernen schon die Kleinsten, dass man die erschreckendsten, dunkelsten Dinge in seinem inneren und äußerem Erleben aktiv erforschen und sich mit ihnen arrangieren sollte, anstatt zu flüchten oder einen blutigen Kampf zu beginnen, an dessen Ende ein großes Machtpotenzial ausgelöscht ist, das man sich vielleicht auch zu eigen hätte machen können. Daran sollten wir Erwachsenen ebenfalls von Zeit zu Zeit erinnert werden.