Von meiner Schwester weiß ich, dass eine Übung, die Clarissa Pinkola Estes empfiehlt, in ganz ähnlicher Form auch in der Kunsttherapie Anwendung findet. Falls sich gerade jemand in Quarantäne oder wegen Social Distancing langweilt: „Descansos“ ist eine kurzweilige und sehr konstruktive Beschäftigung!

Man benötigt ein großes Blatt Papier, oder noch bessere mehrere davon, die man hintereinander klebt, und zeichnet darauf eine lange Linie, die eine Art Lebenslinie repräsentiert. Auf dieser Linie markiert man – angelehnt an die Kreuze, die man häufig an Straßenrändern sieht, und die im Spanischen „Descansos“ heißen – die Punkte, an denen sich das Leben drastisch verändert hat. So wie „Descansos“ Stellen markieren, an dem ein Leben plötzlich endete oder an dem es zumindest für eine oder mehrere Personen nicht mehr so war wie vorher, gibt es auf unserem Lebensweg einschneidende Veränderungen unterschiedlichster Art. Unfälle, geplatzte Träume, unvorhergesehene U-Turns, Lug, Betrug oder Schicksalsschläge, Krankheiten, folgenreiche Begegnungen. Manchmal auch scheinbar kleine, belanglose Erfahrungen, nach denen wir nicht mehr dieselbe Person waren wie zuvor. Nach denen wir uns für immer anders verhielten. Nach denen etwas in uns „gestorben“ ist.

Wenn man sich damit eingehend beschäftigt, ist man meistens überrascht, wie viel einem nach und nach einfällt. Einiges haben wir verdrängt oder Konsequenzen gar nicht so dramatisch eingeschätzt, wie uns auf einmal klar wird, wenn wir so ein Descansos-Papier anlegen. Wie in der Kunsttherapie ist es sinnvoll, das Papier ausgiebig zu gestalten. Je intensiver man sich damit beschäftigt, desto mehr kommt ans Licht. Besonders, wenn man sein Werk mit etwas Abstand später noch einmal betrachtet.

Wie immer gehört Trauer zum Tod. Und eine gewisse Trauerarbeit muss man oft dringend nachholen, wenn man all seine großen und kleinen Descansos betrachtet. Da gilt es aufzuräumen, zu klären, mit Dingen oder Personen abzuschließen, zu vergeben und vor allem zu begraben. Kein leichtes Unterfangen, aber eins, das sich lohnt.

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