Man liest dieser Tage häufig das bekannte Zitat von Helmut Schmidt, dass sich in der Krise der Charakter zeigt, und wie wahr diese Worte sind, haben die letzten Wochen anschaulich bewiesen. Ich wette, dass sie jeder sowohl anhand von Beobachtungen im privaten Umfeld als auch angesichts aktueller Erfahrungen im Berufsleben oder nach dem Scannen der täglichen Nachrichten bestätigen kann.

Das Zitat lässt sich auch ganz wunderbar ins Storytelling-Umfeld übertragen. Denn selbst diejenigen, die sich schwer tun, einen (oder mehrere) Archetypen für sich selbst oder ihr Unternehmen zu definieren, haben jetzt leichtes Spiel. Das gehört zu den großen Chancen einer Krise.

Fakt ist, dass alle, die diese Zeit irgendwie überstehen, als Helden daraus hervorgehen werden (auch ein Schuft ist eine Art Held). Und sie werden etwas zu erzählen haben. Von den Federn, die sie gelassen haben und vom neu Erlernten. Von notwendigen Abschieden (auch materiellen und ideologischen) und wertvollen neuen Kontakten. Von ungeahnter Kreativität, die man zuvor aus Angst vor dem Risiko unterdrückt hat.

Hans Christian Andersen in Egeskov
Hans Christian Andersen, der große Erzähler

Ich höre oft, dass man angeblich nichts zu erzählen hat. Besonders von deutschen Unternehmen, die immer ganz besonders darauf bedacht sind, Seriosität auszustrahlen und um Himmels Willen keine Schwächen zu benennen. Aber diese Schwächen werden jetzt sowieso sichtbar. Mangelnde Liquidität, keine Anpassungsfähigkeit, Arbeit mit veralteter Technologie, ein Wasserkopf, Ideenlosigkeit, Mitarbeiterunzufriedenheit, Versäumnisse bei der Kundenbindung und so weiter. Das ist alles bitter, aber keine Schande, denn Schwächen gibt es überall. Perfektion ist eine Illusion, also wem wollen wir etwas vormachen?

Was den Unterschied macht, ist der Umgang mit diesen Schwächen, und die aktuelle Krise zwingt zum Handeln, wo wir zuvor noch prokrastiniert, verdrängt und uns Ausreden ausgedacht haben. Wir alle – Personen, Unternehmen oder Organisationen – schreiben gerade an einem ganz entscheidenden Teil unserer Geschichte, und wir werden uns dabei verändern, ob wir wollen oder nicht. Große Marken werden vor unseren Augen zu peinlichen Opportunisten, gute Freunde zu nervigen Verschwörungstheoretikern, kleine Näherinnen zu Fashion-Ikonen, und gestern noch kaum bekannte KMUs sind auf einmal in aller Munde.

Genau jetzt werden wegweisende Weichen gestellt, und die Wahl eines Archetypen – die Treue zum bestehenden oder die Wahl eines neuen – ist der Schlüssel dazu. Helfen, Lehren, Unterhalten, Erschaffen, es gibt unglaublich viele Möglichkeiten konstruktiven Verhaltens. Im Gegensatz zu allerhand destruktiven Handlungen. Und Nicht-Handlungen. Dessen müssen wir uns im Moment gleich doppelt bewusst sein. Denn ob und wie wir jetzt agieren, wird lange in Erinnerung bleiben. Weil es für jeden von uns emotionale Zeiten sind. Erfahrungen und Beobachtungen, die wir unter solchen Umständen machen, brennen sich ein. Das hat uns die Hirnforschung gelehrt.

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